Garnelen Wirbellose Wissen

A bunch of shrimps – Crossbreeding deluxe: Blumenstraußaquaristik neu definiert

Germany on Fire _filtered.jpgNach kurzzeitiger Hobbyunterbrechung besuchte ich den Fischdealer meines Vertrauens in Mainz. Wie immer stand ich fasziniert vor der Nano Anlage, die auf Kundenwunsch angeschafft wurde und drückte mir die Nase platt. Insgeheim schon wieder am meckern, warum die Tiere nicht gescheit ausgezeichnet waren, Caridina mit Neocaridina zusammen gebastelt wurden und das ganze dann mit Schnecken und Cambarellus dekoriert war.
Ich bemerkte ein „Nano Neewbie Angebot“ als Komplett Set, das jeweils 4 Garnelen beinhaltete; vier weisse, vier gelbe, vier rote, vier braune. Alles zusammen, inklusive Becken und Luft für 99€. Auf mein entrüstetes Protestgeschrei „wie kann man nur?“, bekam ich die saloppe Antwort: Kunde will- wir liefern.

Ich gebe zu, etwas desillusioniert wieder nach Hause gefahren zu sein. Sollte sich wirklich in ein paar Monaten der Aquarienlosigkeit soviel verändert haben? Zugegeben, als aus heteropoda plötzlich davidii wurde, und die Apfelschnecken quasi des Erdenplaneten verbannt wurden, krochen so die ersten Zweifel hoch, dass ich irgendwie nicht mehr so ganz up to date war. Also fing ich mit der Recherche an. Und siehe da; Crossbreeding stand hoch im Kurs. Mittlerweile nicht mehr nur bei den hochabgesicherten supergeheimnisvollen Highbreeder-Nerds, nein, siehe da; auf einmal wurde Neocaridinas in sämtlichen Varianten wüst durcheinander gemischt, scheinbar ohne Sinn und Verstand, entgegen jeder Mendelschen Regel, von der wir je gehört hatten.

sakura-1Ich war fassungslos. Regelrecht entsetzt von soviel Experimentierwut, reinerbige Tiere kunterbunt zusammen zu würfeln und zog es vor, vorerst mal eher weniger dazu zu sagen. Kaum auszudrücken, mit welcher Hingabe und Mühe wir selektiert nachzogen, um die besten und stabilsten Farben herauszuzüchten. Welche möglichen und unmöglichsten Mittel und Wege wir in Erwägung zogen, da wurde teilweise Superfood ins Wasser geworfen, das halbe Monatsgehälter kostete und die Tiere besser mit Spurenelementen versorgte, als uns selbst. Von Migräne, schlaflosen Nächten und beginnenden Hitachi-Sprachkursen mal ganz abgesehen. Drei verrutschte Streifen und doppelblind schielende Tiere haben wir aussortiert. Sollte das alles vergebliche Liebesmüh gewesen sein? Im Geheimen hatten wir ja sogar bereits die „falsche“ Red Fire in „Barbiegarnelen“ umbenannt. (Rot mit pinkem Rückenstrich)

Aus dem Bekanntenkreis war mir bekannt, das einige sogenannte Mischerbecken unterhielten, in denen der „Ausschuss“ Verwendung fand. Quasi die Gnadenkoppel für zuchtuntaugliche Tiere. Ich selbst zog diese ja in ein Clarkii-Becken um… (und es gibt gute Gründe, warum die erfolgreichsten Züchter, die sich nicht permanent im Rampenlicht präsentieren (müssen), das genauso handhaben.)
Ich bekam eines Tages die Antwort, als ich mal wieder kritisch vor einem jener „Abfallbecken“ stand; das glaubst du nie, da fallen die tollsten Tiere!- und wurde mit einer orangen Multistripe konfrontiert. Plötzlich war ich wach. Sollte denn wirklich…? Echt jetzt? Ich musste sie haben! Jetzt sofort und überhaupt- mein Shrimp-Nerd-Gen erwachte schlagartig aus dem Winterschlaf.
Und der Clarkii schaute doof aus der Wäsche, als ich ihm Dosenfutter andrehen wollte…

In dieser jener Geistesumnachtung mit mehr Ideen im Kopf als ich jemls Zeit oder Geld hätte (ihr kennt das ja), kehrte ich erst spät nach Hause und sortierte gedankenverloren und todmüde die Neuerungen in die vorhandenen Becken ein und widmete mich wieder meinem Arbeitsstress. Wenig später fiel mir auf, intelligenterweise blau, hellblau und braun in diesselbe Pfütze gesetzt zu haben und zwei trugen bereits: meine Neugier war geweckt.
Kurz darauf bekam ich eine Tüte „Blumenstrauss-Tiger“: an die 14 verschiedenen Farb- und Zeichnungsmuster in nur einem Stamm mit den Worten: viel Spass beim Basteln, die mussten weg.
Welch Frevel! Wie kann man nur..?! In Millisekunden rechnete ich bereits eine komplette neue Anlage aus, schliesslich musste das Chaos ja sortiert werden; das würde Tage dauern und Jahre, bis wir hier wieder von Erbfestigkeit reden konnten! Da bräuchte ich mindestens 15 neue Becken, Luft, Filterei, Licht, Bodengrund und was stand da neulich noch auf der einen Tiger-Homepage..?
Halt, Moment mal, da war doch noch was…

Ich nenne sie schlussendlich liebevoll die „Löwenzahntiger“. Und sie dürfen weiter munter ihrem Kulturaustauschprogramm nachgehen.

neocaridina-heteropodaCrossbreeding ist eine feine Sache. Dummerweise unterscheidet sich dies deutlich von jenen, die um des Farbwillen ein Aquarium mit Regenbogengarnelen betreiben und sich irgendwann über matschigbraune Nachkommen aufregen und solche sogar über Kleinanzeigenportale verkaufen. Persönlich halte ich es für äusserst wichtig, beim Kreuzen das Hirn einzuschalten, da ich es für möglich halte, dass die Anzahl derer, die reine farbfeste DNZ hältern, unter Umständen drastisch abnehmen könnte, bzw. ist dies ja bereits grosszügig passiert. Diese stellen nicht nur den ursprünglichen Grundbestand dar, sondern, und das ist vielleicht kein uninteressanter Punkt: sind die Hoffnung, um den Genpool einer Cross-Gruppe neu zu mischen. Misch-Wut in allen Ehren, meine Freunde, aber bleibt mit einem Bein auf dem Boden, bevor uns die Ursprünge verlustig gehen und das Geschrei gross wird. Bleibt zu hoffen, dass eine einwandfreie Dokumentation geführt wird.

Bereits jetzt freue ich mich auf Neuheiten, die durch Crossbreed entstanden sind und weiss die Mühe, diese wiederum erbfest zu ziehen, absolut zu würdigen. Ich hoffe allerdings, dass diese tatsächlich investiert wird und wir uns bald über neue Farben freuen können, nicht fernab im oder aus dem taiwajapangalaktischem Hinterland, sondern in unseren Wohnzimmern, Kellern und Freaks wie mir: im Badezimmer.

Mendel wusste damals auch nicht alles und mit garneliose-infizierten Shrimp-Nerds hat er sicher nicht gerechnet, also zeigt ihm, wo der Kescher hängt und wer ihn schwingt!

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Text: Lou Herfurth

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