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Geglückte Nachzucht von Atyopsis spinipes

Text und Bilder: Bernd Gerhardt

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Weibliche Atyopsis spinipes

Es war nicht meine erste Begegnung mit einer Art dieses skurrilen Garnelentyps, aber mit Sicherheit die am besten vorbereitete. Über die Haltung kann man sich heute problemlos und umfassend informieren, über die Zucht gibt ́s zwar wenige aber zum Glück sehr detaillierte Berichte von einigen erfolgreichen Enthusiasten. Obwohl ich das zunächst gar nicht vorhatte, haben mich diese Berichte doch sehr motiviert, es wenigstens mal zu versuchen.

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Rostrum einer männlichen Atyopsis spinipes

Atyopsis spinipes ist von der verwandten Art Atyopsis moluccensis optisch kaum zu unterscheiden. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist die Anzahl der Zähnchen an der Unterseite des Rostrums und einige im wesentlichen nur unter einer starken Lupe oder einem Mikroskops zu erkennenden Details. Atyopsis spinipes bleibt mit ca. 7 cm auch kleiner als Atyopsis moluccensis.

Mein Start war dann allerdings die erste Nagelprobe meiner Standhaftigkeit. Von den zehn Tieren starben in den Tagen nach ihrem Eintreffen acht an der „Molukkenseuche“, und es blieben mir nur zwei Tiere für meinen ersten Versuch. Glück im Unglück, es war doch tatsächlich ein Paar – und es sollte dann auch nicht lange dauern, bis das erste Gelege zu sehen war. Im Bericht von Jiri Libus vermutete er, dass, um ein Gelege vollständig zu befruchten, mehrere Männchen nötig sein könnten. Das hat mein recht kleines Tier dann eindrucksvoll widerlegt.

Ich hatte das Weibchen zum Entlassen der Larven nach vier Wochen dann in ein 130-Liter-Aquarium mit einigen Amanos gesetzt, und schon am nächsten Tag wimmelte es in dem Becken von Larven. Das Umsetzen geschah dann wegen der gewaltigen Menge mit einem großen, sehr feinmaschigen Käscher, direkt in ihr gut vorbereitetes Aufzuchtbecken.

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Larve von Atyopsis spinipes

Die meisten Fächergarnelen gehören zum sogenannten primitiven Fortpflanzungstyp und der überwiegende Teil der bekannten Arten muss ihr Larvenstadium im Salzwasser verbringen. In der Natur passiert das ganz automatisch mit der Strömung der Flüsse in Richtung Meer. Nun ist es etwas umstritten ob die Entwicklung bei Meerwasserbedingungen oder im weniger salzhaltigen Brackwasser abläuft.

Nach den Angaben aus erfolgreichen Nachzuchtbemühungen kann man aber eine gewisse Toleranz gegenüber dem Salzgehalt annehmen. Mein Ansatz war dann eine Salzkonzentration von 34 g/l, also Meerwasser. Das Gesamtvolumen des Zuchtaufbaus hatte ca. 500 Liter, wovon die „Kammer“, in der sich die Larven dann befanden, nur 35 Liter hatte. Da ich das Ganze schon aus berufstechnischen Gründen die meiste Zeit nicht beaufsichtigen konnte, musste ein biologisch relativ stabiles System her. Da es mehrere Filterinstanzen zwischen dem Brutraum und dem Wasserdepot gab, klappte es natürlich mit der Kultur der wichtigen Schwebealgen direkt im Brutraum nicht.

Ich musste daher die Larven möglichst kontinuierlich füttern. Das klappte mehr oder weniger gut, und ich denke, die meisten Ausfälle bei der Aufzucht der Larven waren diesem Auf und Ab bei der Futtergabe geschuldet.

Mittlerweile habe ich mir eine Art Futterautomat gebastelt, aber leider kam die Idee für diesen ersten Versuch zu spät.

Es gibt bei der Aufzucht der Larven zwei wichtige Momente, das ist das Umsetzen vom Süßwasser ins Salzwasser und ein wirklich kritischer Moment ist das Umsetzen vom Salzwasser ins Süßwasser. Der richtige Moment und der richtige Zeitraum ist da von größter Bedeutung. Das kann nach all der Mühe und kurz vor dem Ziel sehr viele Ausfälle verursachen.

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Juvenile Atyopsis spinipes

Sobald die kleinen Garnelen wie Pfeile horizontal durch das Wasser schießen (nicht dieses Postlarvengetucker) ist der Moment gekommen.

Aus meiner Erfahrung ist der Zeitraum eine der subtilsten Angelegenheiten. Wenn sich die kleinen Garnelen beim Umsetzen in einen Transferbehälter (irgendein Pott, der im Wasser schwimmt, um die Temperatur darin zu halten) farblos grau oder völlig transparent umfärben, kann man sie innerhalb von ca. 2 Stunden umgewöhnen. Wenn sie sich nicht völlig entfärben oder die Schwimmweise nach der ersten Süßwassergabe leicht schaukelig wird, sollte man
eine längere Pause (1 bis 2 Stunden) einlegen und erheblich langsamer umgewöhnen. Dann kann es 9 bis 12 Stunden dauern. Die Schwimmweise und die Farbe muss wie beschrieben stimmen, sonst starben sie bei mir. Das galt auch später bei einigen Jungtieren, die schon sichtbare Fächer und den weißen Rückenstrich hatten. Seltsamerweise findet man im völlig leeren Becken immer wieder Nachzügler.

Einige Angaben in den Berichten über die Nachzucht der eng verwandten Art Atyposis moluccensis widersprechen sich in bestimmten Details, da aber alle diese Ansätze Erfolg hatten, wird schnell klar, dass Aufmerksamkeit und Fingerspitzengefühl über das gesamte Projekt gefragt sind, nach Schema F geht da gar nichts.

Ein wichtiger Punkt schien mir auch die Gabe von tierischem Eiweiß zu sein. Erst nachdem ich ab der zweiten Woche etwas Eeze-Pulver gefüttert hatte wuchsen die Larven deutlich und sichtbar weiter. Auch später bei der Aufzucht der Junggarnelen musste ich die zunächst geringe Menge an tierischem Eiweiß deutlich erhöhen, um deren Wachstum zu fördern. Lange Kotfäden sind zwar ein gutes Kontrollindiz für die Nahrungsaufnahme, sagen aber noch nichts über die richtige Futterzusammensetzung aus. Einige Tierchen verzwergten und konnten das Wachstum auch später nicht mehr nachholen, sie starben dann bei irgendeiner Häutung. Nun ist der Größte schon 32 mm lang, aber wie viele von den Anfangs 150 jungen A. spinipes noch am Leben sind, weiß ich nicht genau. Ich habe aber sehr viel bei der Aufzucht gelernt und werde die Methode beim nächsten Mal sicher optimieren können.

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Juvenile Atyopsis spinipes

Seit dem 13. November (Freisetzen der Larven) sind nun ca. 5 Monate bis zur „Abgabereife“ vergangen. Ob das bei einer entsprechenden Menge an Tieren für eine kommerzielle Zucht rentabel sein könnte, ist für mich die offene Frage. Ich denke, dass von dieser Antwort abhängt, ob es gelingen wird, die Importe dieser interessanten Tiere irgendwann durch Nachzucht einzuschränken oder ganz überflüssig zu machen. Könnte man eine Art Setup entwickeln, das die kommerzielle Zucht lohnenswert werden ließe, wäre der entscheidende Schritt geschafft.

Davon mal ganz unbeeinflusst, es hat sehr viel Spaß gemacht, und das nicht zuletzt, weil es ein sehr interessantes und forderndes Projekt ist. Ich werde sicher noch viele Zuchtversuche mit dieser und anderen Arten durchführen, vor allem um mehr über diese außergewöhnlichen Tiere zu erfahren.

Auch wenn es für einige Fischarten sicher artgerechter wäre, sie unter ähnlichen Bedingungen zu halten, ist es für Fächergarnelen schlichtweg überlebensnotwendig, in strömungsreichen Aquarien gehalten zu werden. Wenn man sich allerdings in den Foren so „umliest“, entwickelt sich im Ansatz schon so eine Art Strömungsaquaristik und wird hoffentlich irgendwann ein spannendes, eigenes Thema, ähnlich wie die Nano-Aquaristik bzw. das Aquascaping. Der Fluss im Wohnzimmer, wäre doch mal was anderes als das übliche Plätscher-Aquarium!

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